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1000 Tage, die die Welt bewegten


26.04.1336

Es lebe der Mensch, endlich: Francesco Petrarca genießt die Aussicht.

Der Mann hat als reisender Dichter schon so einiges hinter sich, als er weit vor Sonnenaufgang mit seinem Bruder die Herberge in Malaucène verläßt. An einem einzigen Tag wird er den höchsten Gipfel der Umgebung besteigen und wieder ins Tal zurückzukehren. Danach ist er nicht mehr derselbe, und die Welt der menschlichen Wahrnehmung wird dank ihm in der folgenden Zeit eine unvergleichliche Horizonterweiterung erfahren. An diesem Morgen dämmern der Humanismus und die Renaissance.

Was Petrarca tut, ist dem damaligen Denken unerhört, ungetan. Vollkommen zweckfrei und ohne jede Not besteigt er den Mont Ventoux, knappe zwei Kilometer hoch, eigentlich nur der Aussicht wegen. Der Besteiger fordert durch seine eitle Neugier keinen Geringeren als Gott selbst heraus.

Auf dem Gipfel angekommen, hat der erste verbürgte Bergsteiger der Geschichte eine der weitesten Aussichten Europas vor sich, von den Gipfeln der Alpen über das Mittelmeer bis hin zu den Pyrenäen. Sein Blick erfaßt in Sekunden Plätze, die viele Tagesreisen voneinander entfernt sind. Petrarca ist überwältigt, geht in sich und begreift: die Welt besteht nicht aus einer endlichen Abfolge von Orten, sondern die Orte sind eingefügt in einen unendlichen Raum – und indem Petrarca sich selbst diesem Raum als Person gegenüberstellt, wird er zum Erstbeschreiber des Ego. Er hat die erste entscheidende Schlacht im Kampf gegen den hochmittelalterlichen Gott gewonnen, ohne daß er sie führen wollte. Er hat den ersten Impuls gegeben, den Menschen in den Mittelpunkt der Naturbetrachtung zu stellen, ihn überhaupt als Teil der Natur zu begreifen. Sein praktisches Tun, die Besteigung, führt zu einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem auf dem Gipfel erfahrenen Weltzusammenhang – und er, der Mensch Francesco Petrarca, ist ein Teil davon. Seine Erkenntnis aber beraubt ihn seiner Geborgenheit im christlichen Glauben. Er hat kein Zuhause mehr. Das ist der Preis, den große Entdecker zu zahlen bereit sein müssen. Selbst Nikolaus Kopernikus, der Sprenger der Geozentrik, wird nicht so weit gehen.


1670: Spinoza sät Wahrheit und erntet Hass. 

Wer sich in der Kunst des Schimpfens weiterbilden will, der lese die Reaktionen auf den „Tractatus theologico-politicus“, die Baruch Despinoza, latinisiert Benedictus de Spinoza, gerade anonym veröffentlichen läßt. Alle Größen der Zeit scheinen einen Wettbewerb laufen zu haben, wem die schönsten Schmähungen für den Glasschleifer aus Amsterdam einfallen. Womit hat sich der Sohn spanischer Exiljuden diese umfassende Segnung mit Flüchen verdient?

Er hat Giordano Bruno gelesen und Descartes, und wendet ihren philosophischen Werkzeugkasten konsequent an. Sein einziges Motiv ist die Liebe zur Wahrheit, und das kommt ihn während seines gesamten Lebens teuer zu stehen. Bevor er auch nur ein Wort geschrieben hat, wird er im Alter von 23 Jahren mit „all den Verwünschungen, die im Gesetz geschrieben stehen“ aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen, obwohl er den Kampf nicht gesucht hat, sondern nur die Wahrheit über die Bibel. Die Folgen dieses Großen Bannfluchs sind einerseits die größte anzunehmende Isolation und Heimatlosigkeit, der ein Mensch damals ausgesetzt sein konnte, andererseits eine innere Unabhängigkeit und Freiheit, wie nur wenige sie jemals kennengelernt haben.

Seinen Lebensunterhalt verdient sich der Gelehrte in alter jüdischer Tradition mit seinem erlernten Handwerk, schreiben tut er nachts. Unglaublich bescheiden und zurückgezogen arbeitet Spinoza an seinem Lebenswerk, einem der wohl am stärksten kondensierten Bücher der Welt. „Die Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt“, ist ein mathematisch formelhaft verfasstes Buch, für den Laien geradezu unlesbar. Aus der Erfahrung mit seiner letzten Veröffentlichung behält er es in der Schublade bis zu seinem Tod. Hass, Spott und Verbote halten nach seinem Erscheinen aber noch gute hundert Jahre an, bis Lessing und Jacobi sich endlich für Spinoza aussprechen.