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Charlottenburg: generelle Einführung

Wer in Charlottenburg großgeworden ist, fühlt sich weniger als Berliner denn als – Charlottenburger. Die Eigenständigkeit, die dieser Auffassung zugrunde liegt, gründet auf der Tatsache, daß Charlottenburg erst 300 Jahre alt ist und ehemals die reichste Stadt Preußens war. Selbstbewußt auch der andere „Charlottenburger“, der auf den Gehsteig ausgeblasene Inhalt einer verstopften Nase: “Eine Auster, hell und klar, schleudert er aufs Trottoir“ (volkstümlich)…
Erst 1920 eingemeindet, hat sich hier eine stärkere Identität erhalten, auch, weil der heutige Teilbezirk früher unabhängig von Berlin lebensfähig war. Heute zeugen davon noch Kleinbrauereien, Wirtschaftszentren und nicht zuletzt das Charlottenburger Schloß. Bald 20 Jahre nach Maueröffnung ist es beinahe die einzige Attraktion in Westberlin, die man auf einer Stadtrundfahrt mit dem Bus zu sehen bekommt. Der Rest des für Fremde interessanten Berlins scheint sich im Ostteil der Stadt zu befinden. Wie war das nur früher? Wurden da Klärwerke besichtigt? Wir bleiben dran. Versprochen.
Die spätbarocke Attitüde des Schlosses und die italienischen Anklänge, die es in seinem Inneren und im luftigen Park ausspielt, spiegeln sich in den wichtigen Kiezen des Bezirks, die hier exemplarisch besprochen werden sollen. Das meiste läßt sich zu Fuß bestreiten.
Der erste Blick fällt wahrscheinlich auf den Zoo (Tiergarten und Bahnhof im olfaktorischen Moulinex-Mix) und den benachbarten „Tauentzien“. Bekannt aus ZDF-„specials“ mit Thekla-Carola Wied und Radost Bokel kommt der ehemalige Generalzug immer noch im Achzigerjahrepastell daher, flankiert von den teuersten Bausünden, die vom Notopfer Berlin finanziert wurden. Systematisch unpassend stehen das Europacenter, die südliche Flankierung des Zoologischen Gartens an der Budapester Straße und die Bebauung der Kantstraße im Gründerjahre-Ensemble der selbstbewußt ornamentierten Bürger- und Geschäftshäuser – nach einem Gang vom „Kaufhaus Des Westens“ zum neuen (!) Kranzler-Eck reibt sich nicht nur der Bauforscher die Augen. Macht müde und durstig. Als Hintergrundrauschen im Kopf bleiben die
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die vom Berliner „Volksmund“ keine alternative Bezeichnung verpaßt bekommen hat, und der ebenfalls namenlose Brunnen vor dem Europacenter. Sollte man noch weiterlaufen, den Kurfürstendamm hinunter in Richtung Halensee, beruhigt sich die architektonische Lage, aber nur oberflächlich: wo früher Boutiquen für das ehemals deutsche Charlottenburger Bürgertum thronten, machen sich nun vermehrt Filialen von Ramschläden, Lebensmitteldiscountern und amerikanischen Kaffeehäusern breit. Das erschwert der Strasse ihre Identitätsfindung, vor allem jetzt, wo am Bahnhof Zoo keine Fernzüge mehr halten und die Stadt mit der Friedrichstraße und vielen, vielen Shoppingmalls neue Einkaufszentren erhalten hat. Der Mauerfall ereignete sich damals weit entfernt von der „City West“, aber vor allem sie spürt die unmittelbaren finanziellen Nachteile: Nach dem Mauerbau als Ersatz zum alten Stadtzentrum aufgeputzt, verhätschelt und während der Mauerzeit natürlicherweise überbewertet, fällt es der Gegend schwer, sich neu zu orientieren - wohin auch: Vorbilder gibt es keine.
Ob (und wenn ja: wie) sich der Kurfürstendamm schönmachen wird, um nach langer schleichender Depression wieder herauszutreten und sich erneut unter die Boulevards der Welt zu mischen, steht aus. Eventuell ist sein Schicksal Symbol für das Deutsche: 1A Substanz, im Süden noch ordentlicher als im Norden, leicht steifer Stil, aber insgesamt liebenswert, geradlinig – von den Folgen von ’89 überrollt, noch hinkend im Gipsverband, die Röntgenaufnahmen sind auf dem Postweg und augenblicklich, wo die Krücken rosten, streiten sich die Experten über den weiteren Gesundungsverlauf. Au Mann! In aller Aufrichtigkeit wünschen wir dem Patienten folgenloses Verheilen.

Lästerer behaupten, das schönste an Charlottenburg sei der Blick nach Berlin, und zugegeben: wer am Theodor-Heuss-Platz an der ewigen Flamme steht, inmitten Neuer Sachlichkeit und modernistischer Architekturverbrechen, gewinnt einen Überblick über die Stadt, der ihrer schieren Größe gerecht wird
. Der Platz hat seinen aktuellen Namen erst seit 1963, ursprünglich lautete sein Name Reichskanzlerplatz, von April 1933 bis 1947 (sic) Adolf-Hitler-Platz. Im Rahmen des geplanten Umbaus Berlins zur „Reichshauptstadt Germania“ sollte er in Mussoliniplatz umbenannt werden, da der Platz Hitler für seinen eigenen Namen nicht zentral genug lag.
Bezeichnenderweise folgt das Auge der Ost-West-Achse, die Hitler mit Speer als Paradestraße plante. Davon zeugen heute noch die „Speer-Laternen“ in der Bismarckstraße und das (nicht mehr als solches zu erkennende) Charlottenburger Tor am Ernst-Reuter-Platz. Es wurde von den beiden auseinandergerissen, damit auch hier in Zwölferreihe marschiert werden konnte – in beide Richtungen. Man sollte diesen Blick und all den damit einhergehenden Zwiespalt am ehesten an einem Abend im späten Frühling oder frühen Herbst genießen, wenn das Sonnenlicht genau die Straße entlang streift. Der Blick um diese Uhrzeit vom Brandenburger Tor oder vom Großen Stern hierher ist ebenfalls höchst beeindruckend.
Dann hat man auch noch die Zeit, am nicht weit entfernten Klausnerplatz ein Eis zu essen. Beim anschließenden Schlendern durch die Danckelmannstraße darf man sich wundern, daß Kreuzberg anscheinend eine Dépendance in Charlottenburg hat, die noch im Neuköllner Schneewittchenschlaf ruht. Der Weg über den Kaiserdamm führt um den Lietzensee herum, der im Winter manchmal die Gelegenheit bietet, unter einer Brücke hindurch Schlittschuh zu fahren. Wer weiß, wo das sonst noch geht, gebe bitte Bescheid.
Gleich daneben liegt, naja, brodelt der Stuttgarter Platz, wo Springers damalige Lieblingsfeindin, die Kommune 1, ihre Geschäftsräume hatte. Hier steht auch, unübersehbar, spätestens seit 1949, die „erste Currywurstbraterei der Welt“, sicherheitshalber zehn Jahre später patentiert – sollen sich die anderen streiten..

Für alte Charlottenburger ist der Platz ein Kristallisationskern der Unheiligkeit und Dekadenz: für sie nahm das Unheil der Prostituierung des Stadtteils, der Verwahrlosung und osteuropäischen Überfremdung hier seinen Anfang. Die Berechtigung des Begriffs „Charlottengrad“ wird hier, aber auch in den früheren Rückzugsgebieten der vielbesungenen „Wilmersdorfer Witwen“, von vielen mittellosen und noch mehr schwerbegüterten Bürgern russischer Herkunft gespeist. Man sollte dennoch nicht vergessen, daß der Bezirk auch schon lange vor dem Ersten Weltkrieg einen stabilen Anteil von Reußen hatte, deren Anwesenheit er damals höher achtete.
Der Platz selbst ist ein zerklüftetes und von der S-Bahntrasse dominiertes Ensemble, das nicht zum Verweilen lädt. Jetzt sollen auch noch die Bäume fallen. Wir wollen ja nichts sagen, aber so etwas käme am Prenzlauer Berg nicht vor.
Was für andere deutsche Städte normal ist, findet sich in dieser Stadt nicht unbedingt: Die einzige Fußgängerzone Berlins, die größer als ein Fußballfeld ist, die Wilmersdorfer Straße, kommt auffällig „unberlinerisch“ daher – von der Form der Blumenkübel abgesehen, könnte das hier auch – Stuttgart? sein … auf also zum original Berliner Feinkostladen Rogacki, Fischschrippe essen und Austern für später mitnehmen. Der Gang endet, wenn man will, am gärtnerisch interessanten Savignyplatz. Dem behagt das Zerschnittensein durch die Kantstraße zwar nicht, er hält es aber aus. Hier und drum rum läßt es(?) sich trefflich großstädtisch speisen und Bohnenkaffee trinken, nachher noch bißchen Bücher und Messingkram kaufen und getrost nach Hause tragen. Denn Schiller und Goethe und auch ihre Straßen, die beiden parallelen Achsen im Norden des „Denkerviertels“, liest man lieber nach.

© Giuseppe Profumo bei www.carpeberlin.com